Finisher Berlin Marathon

Peng! Und abgeschossen! Registrieren leichtgemacht. Nur ein Klick. Was treibt einen Betroffenen Depressiven dazu, sich für einen Marathon anzumelden? Eigentlich sollte ich nach 2 Jahren Laufaktivitäten ohne nennenswerte Leistungssteigerungen im Training oder Wettkampf feststellen müssen, dass Laufen nicht mein Ding ist.Schlechte Pace, komischer Laufstil mit Bauchansatz und dünne Beine. Eher peinlich! Zur Steigerung des Selbstwertgefühls ist das garantiert nicht zielführend.

Ob 5, 6, 7, 10km oder Halbmarathon. Immer ganz hinten bei den Laufveranstaltungen. Aber nur eine Aufgabe. Mit und ohne Trainingsplan. Was ist mit mir los? Umfeld und Coach verstehen auch nicht und raten ab. Vom Coach würde es keinen Trainingsplan geben mit der Vermutung: Übertraining. Maßnahme: halbes Jahr Pause. Nur leichtes Krafttraining. Absolute k.o. Diagnose und Stimmungstief. Kein Befund beim Orthopäden. Aber zufälliger Befund beim Sportarzt: Bluthochdruck bei Belastung. Aber behandelbar.

Der Drops war jetzt eh schon gelutscht. Nachdem ich das „Losglück“ mit dem Startplatz bekommen hatte, war es für mich ein Zeichen und Schicksal. Jetzt war es ein Projekt mit eigener Vorbereitung und ungewissem Ausgang. Über das Jahr hinweg gab es weiterhin keine nennenswerte Besserung im Training oder bei Laufveranstaltungen. Auch die ausgiebige Recherche in Literatur und Internet ist alles andere als motivierend.

Projekt war jetzt Mission Impossible.

Aber inzwischen hatte ich einen Mitläufer und einen Arzt als Betreuer vor Ort. Auch die Einzigen die meinen Anspruch verstehen im näheren Umfeld.
Mein Anspruch war jetzt entsprechenden Gesund anzukommen. Keine Selbstüberschätzung bzgl. Der Gesundheit. Finishen nicht um jeden Preis. So der Plan. Was kann mir passieren? Psychische Stabilität in Gefahr?

Als Betroffener mache ich mir mehr Gedanken darüber, wie andere jetzt über mich denken. Ein Getuschel hinter meinen Rücken. Jedes Schweigen fühle ich nun als Ablehnung.

Jede Unaufmerksamkeit ist nun dem Marathonprojekt geschuldet.Das alles will ich herausfinden Jetzt erst Recht. Das Event im Focus. Logistische Planung mit Unterkunft ist erfolgt. Als Betroffener wichtig um Druck und Stress zu vermeiden. Albträume hatte ich bereits. Start verpasst oder ich verlaufe mich.

Andere Gedankenkreisel bzgl. Unterkunft und Anfahrt waren unbegründet. Mein Dank geht an meinen Begleiter und Mitstreiter. Die Akkreditierung am Vortag war schon ein Event mit Gänsehautfeeling. Sehr international. Hatte ein Hauch von Olympische Spiele. Wow!

Zeitpunkt für Selfies und Post in den sozialen Netzwerken Aber die Messe weckte auch Begehrlichkeiten. Stresstest für mich. Ich konnte widerstehen. Zurück am schönen Havelhotel habe ich mir eine Auszeit auf dem Zimmer gegönnt. Wenn ich mich danach fühle räume ich das mir ein und sorge für mich. Mein Begleiter ist nochmal an den Kiez. Nach der Ankunft meines Arztes gab es endlich Pasta Essen beim Italiener im Ort. Fernab von den Pastapartys des Events. Auch bewusst geplant mit Tischbestellung. Sehr schöner Vorabend mit einem Schönheitsfehler. 4 Bier zum Essen. Unter anderen Umständen gönne ich mir auch das mal. Aber am Abend vor dem Marathon. Hallo???? Geht’s noch? Ein Trainer würde mich jetzt zur Strafe auf die Bank setzten!Zumal der Wecker auf 4:30 gestellt ist. Bullshit!

Alles andere ist akribisch sortiert, geplant und Vorbereitet. Wie erwartet war es eine kurze Nacht mit schlechten Schlaf und einem schlechten Gewissen. Kater mit Ansage! Das war nochmal ein Zeitpunkt und eine Möglichkeit noch mal in mich zu gehen. Sollte ich mir lieber eine weitere Peinlichkeit ersparen und nicht an den Start gehen? Das Finisher-Shirt hatte ich bereits bestellt und erhalten.

Aber kneifen stand für mich nie zur Debatte. Also Abfahrt und sonst gut vorbereitet zum Event des Jahres mit 40000 Teilnehmern.

543544_235983738_xlargeDie Aktiven-Zone war durch die aktuelle politische Lage mit mehreren Sicherheitsschleusen abgesichert. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren wir drin. Zeit für Kaffee, weitere Vorbereitungen und Selfies. Kein zurück! Perfektes Laufwetter.

Das Startfieber kam jetzt mit dem Gang in die Startzone H. Entlang an vielen Dixi Toiletten wo sich bereits lange Schlangen bildeten. Phänomen vor dem Start: Die Blase drückt immer. Auch meine.

Dann stand ich mitten drin in der Startzone mit 40000 in der wohl längsten Warteschlange der Welt. Warm Up! Auch schon als Event. Pipi in den Augen und fast in der Hose. Ich als Betroffener mitten drin. Was macht das mit mir? Könnte ich nicht beantworten. Aber ich hab meine Tränen genossen genauso wie den Gefühlsausbruch. Das 45 min!

Peng! Überquerung der Startlinie. Am Körper hatte ich alles gut vorbereitet. Laufgürtel mit Smartphone, leichten Zusatzakku, Traubenzucker, 2 Energieriegel und 10€. Dazu Laufcap, Sportbrille, Laufuhr, eingelaufene Laufschuhe und Trikot. Das war es. Leider konnte ich den Blasendruck nicht einplanen. Aber ich war nicht der Einzige der nach 500 Metern noch ungeniert in den Tiergarten für Entlastung sorgen musste. Egal welches Geschlecht. Dann ging es auf die längste Partymeile.

Für mich die Flucht vor dem Besenwagen! Ich gebe zu auch ich hatte mir eine Zielzeit gesetzt. 6 Std. Aber nicht zu jedem Preis. Gesund und mit extremer Achtsamkeit. Auch das Einbremsen auf den ersten Kilometern gehörte jetzt dazu. Die Euphorie verleitete mir Flügel. Die Pace war superschnell. Bei einem 5 km Lauf kein Problem. Bei 42,2 km ein absolutes k.o. Kriterium.

So wurde im Laufe des Rennens die Geschwindigkeit stetig langsamer. Auch das Feld der Läufer um mich herum immer übersichtlicher. Durch steigende Temperaturen wurde die bewusste Getränkeaufnahme an den Verpflegungsstationen sehr wichtig. Inzwischen sorgte die Feuerwehr mit „Duschen“ für Abkühlung. Bei KM 25 bekam ich kurz Kreislauf. Da habe ich dann auch festgestellt die Pace beim schnellen gehen nicht langsamer ist als Laufen. Inzwischen waren die Mitläufer noch geringer neben mir. Aber auch immer mehr Aussteiger am Rand mit Kühlpads. Ob Leistungssportler oder Hobbyläufer. Aber Party überall in den einzelnen Stadtgebieten mit Livemusik, Zuschauern, Cheerleader und Karibischen Trommelgruppen. Langsam kristallisierte sich die Antwort.Warum tue ich mir das an? Aber da waren Sie wieder! Die Tränen und der Gefühlsausbruch. Mitten im Rennen.

Dann war er auf einmal in Sichtweise: Der böse schwarze Bus mit Besenwagen. Ca. 2 km hinter mir. Bereit zum Einsammeln der Läufer die es vor dem Zielabbau und Freigabe der Straße wohl nicht schaffen sollten. Das pushte dann nochmal. Ich hatte noch Reserven. Im Livetracker hatte ich Familie und Bekannte die sich über darüber Wundern konnten.

Ab Kilometer 35 erwartete mich mein Arzt mit seiner Lebensgefährtin, um mich bei dem gefürchteten „Hammer“ nochmal zu motivieren. 7 km beißen. Begleitung mit Arzt in Birkenstockschuhen. Was für ein Bild. Aber das Ziel 543544_236376620_xlargeimmer noch fest vor Augen. Der „Böse Bus“ aber wieder auf Distanz. Auf den letzten Kilometer war ich im Tunnel, Rausch und Runnershigh. Vor und hinter mir war im Fels eine Lücke. Unzählige Zuschauer im Zielbereich am Brandenburger Tor applaudieren. Einig rufen meinen Namen. Geschafft!! Absoluter Ausnahmezustand, Gefühlschaos.

Psychisch für mich als Betroffenen schon grenzwertig.

6:37 Netto. War mir aber total egal. Ich hatte mir das Rennen entsprechend nach meinem Anspruch eingeteilt. Ich hatte noch Reserven, keine Verletzungen, keine Blasen, keine Kreislaufprobleme und keine Krämpfe. Ich bin körperlich nicht an meine Grenzen gegangen. Zudem wusste ich, das ich an den Folgetagen noch Treppen steigen kann. Ein Muskelkater gehört aber schon dazu. Ich habe es allein mir gewidmet! Gestern, 3 Monate später bekam ich die Siegerehrung mit Urkunde per Post. Nochmal ein tolles Gefühl.

Nach Einverständnis mit meinem Mitstreiter darf ich auch kurz von seiner Niederlage berichten als nicht Betroffener mit einem anderen Anspruch. Aber er musste leider wie andere 3000 „aussteigen“. Bereits schon einen Marathon in dieser Saison vorher absolviert, wollte er die Zielzeit nochmal toppen. Der Ehrgeiz blockt manchmal die Körpersignale. Wadenprobleme war dann sein Problem. Aufgabe. Auch Niederlagen gehören dazu. Seine Worte. Er hat es bereits verarbeitet und hat sich bereits für 2017 registrieren lassen. Ich mach 2017 in Berlin halbe Sachen und habe den Halbmarathon im April dort gemeldet.

Nach dem Marathon ist vor dem ….
Darüber berichte ich in einem anderen Beitrag.

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