Laufen(d) gegen die Depression

Danny aus Hamburg hat Depressionen. Sie schreibt als Happy Dark Cloud über das, was und wie sie es erlebt. Sie lebt in Hamburg und liebt das Reisen, Bücher, Yoga, Freiheit und das Leben im Großen und Ganzen. Aber sie macht auch Sport. Sie hat das Laufen für sich entdeckt, nachdem sie mit Yoga gestartet ist. Danny, erzähl uns doch einfach ein Stück darüber, was das Laufen bei dir ausmacht, wie du dazu gekommen bist und vielleicht auch etwas, was du anderen mit auf den Weg geben kannst …


Nein. Ich bin kein passionierter Läufer. 
Ich gehöre nicht zu denen, die mit eleganten und federnden Schritten mühelos ihre Runden durch den Park drehen, diszipliniert, durchtrainiert und rhythmisch in ihre Körperspannung atmend. Ich erlebe auch keinen dieser ekstatischen oder glücksberauschten Zustände, von denen manche Läufer ab ihrem so-und-so-vielten Kilometer berichten. Nein, so bin ich nicht. Ich bin anders.

Ich laufe auch. Aber ich laufe eher wie eine Schnecke. Verkatert. Nach drei durchzechten Nächten. Durch die Erdnussbuter. Bei Gegenwind. Wer mich beim Laufen sieht, findet in meinen Bewegungen weder rhythmische Eleganz noch wird er mich beim Erleben von magisch-meditativen Zuständen beobachten. Manchmal hasse ich das Laufen. Oft kostet es mich so unendlich viel Energie, diese verdammten Schuhe anzuziehen, in die Kälte rauszugehen und mich in Bewegung zu setzen. Manchmal tut es fast schon körperlich weh. Aber ich laufe. Fast täglich. Trotzdem. Deswegen.

Ich laufe gegen meine Depressionen. Vor etwa 6 Jahren begann ich – depressionsbedingt – mit Yoga und habe dabei eines gelernt: Wer seinen Körper bewegt, bekommt auch Bewegung in die Seele.

Depressionen werden in den meisten Fällen durch dauerhaften Stress, Angst oder emotionale Überbelastung ausgelöst. Und die Fragen danach, wie unser Körper damit umgeht, führt uns auf einen Ausfug in die Biochemie:
Die Ausschüttung diverser Stresshormone wie Adrenalin oder Cortisol sorgt für ein Ansteigen der Herzfrequenz und ein erhöhtes Tempo im Stoffwechsel. Diese Alarmbereitschaft (oder Fight-or-Flight-Reaktion) lässt uns ungeahnte Kräfte mobilisieren. Das ist eine super Sache, wenn man ungewaschen und grunzend in der steinzeitlichen Höhle sitzt und der Säbelzahntiger um die Ecke lauert: Der Höhlenbewohner kann in der nun folgenden körperlichen Aktivität durch Weglaufen oder Kämpfen seine Stresshormone wieder abbauen, mit Körper und Seele wieder zur Ruhe kommen und in Frieden ungewaschen in seiner Höhle weitergrunzen. Und in puncto Evolution ist das menschliche Gehirn aber bedauerlicherweise eine Trödelbacke, die großteils noch auf dem Niveau dieses Höhlenmenschen hinterherhinkt.

Nun befinden wir uns nämlich mittlerweile in einer Zeit, in der körperliche Angriffe und panisches Wegrennen gesellschaftlich nicht mehr anerkannt sind. Das ist auf der einen Seite gut so, man stelle sich nur mal die Situationen in einem durchschnittlichen Supermarkt vor. Auf der anderen Seite bedeutet dies aber auch, dass wir unser prähistorisches Flucht-oder-Angriff-Programm an anderer Stelle zu Ende bringen müssen. Ansonsten rauschen die Stresshormone als permanenter Alarmzustand durch unseren Körper machen und öffnen die Türen für Depressions- und Angsterkrankungen.

Deswegen: Raus aus den Polstern! Rein in die Joggingschuhe! Ja, das ist schwer. Aber hier sind 5 unschlagbare Gründe für das Laufen:

1. Du lernst, besser mit Stress umzugehen
Jeder Läufer wird nicht nur die körperlichen Vorteile wie Kondition, Kraft und Beweglichkeit, sondern auch die psychischen Benefits kennen: Man fühlt sich durch ein regelmäßiges Training einfach entspannter. Schlaue Wissenschaftler sind sich noch nicht wirklich einig darüber, ob Menschen, die regelmäßig laufen, wirklich über geübtere Stressreaktionen verfügen. Allerdings ist dies sehr wahrscheinlich. Wer regelmäßig läuft, übt die Fight-or-Flight-Belastungssituation in einem sicheren Rahmen, denn auch das Lauftraining ist für den Körper nichts anderes als Stress. Aber das menschliche Nervensystem ist sehr schlau und lernt dazu. Weil sich diese Stresssituation auf einen begrenzten Zeitrahmen beschränkt, lehnt es sich irgendwann in vergleichbaren Belastungssituationen relaxt zurück und wird nicht mehr so übermäßig reagieren. Coolness lässt sich also tatsächlich trainieren!

2. Es ist gratis, aber nicht umsonst!
Kaum ein Sport ist erschwinglicher als das Laufen. Du zahlst keinen Eintrit und benötigst keine teure Ausrüstung. Vergiss diese ganzen Pulsmesser, Bleigewichtsgürtel und stylische Trinkflaschen und Täschchen für den iPod. Wenn es erstmal darum geht, eine Runde durch den Park zu drehen, reichen eine Sporthose, ein dem Wetter entsprechendes Shirt und ein paar vernünfige Laufschuhe (an denen solltest Du aber wirklich nicht sparen!). Die meisten Dinge, die Du zum Laufstart brauchst, hast Du also wahrscheinlich eh schon im Kleiderschrank.

3. Ein guter Start in den Tag
Wir kennen es ja alle morgens: die Bettdecke ist so schwer wie Blei und die Vorstellung, anderen Menschen begegnen zu müssen ist kaum zu ertragen. Eine frühe Joggingrunde im Park ist da ein sanfter Einstieg in den Tag: zu dieser Zeit sind wenige Leute dort unterwegs, die klare Morgenlauf und die Natur schicken frisches Leben in Körper und Seele. Und das Beste: Du startest den Tag direkt mit einem Erfolgserlebnis! Auch wenn Du nicht leistungsorientiert läufst (also Schnecke, Erdnussbutter und so…) und nur eine kleine Runde um den Block trabst: Du hast in dem Moment, in dem Du Deine Laufschuhe schnürst, schon mehr geschafft, als wärst Du einfach nur lethargisch vom Bet zur Couch geschlurft! Diese kleinen Erfolgserlebnisse und QuickWins lassen Dich positiv und mit Energie in den Morgen starten und begleiten dich für den Rest des Tages – garantiert!

4. Es ist ein Erfolgserlebnis
Auch wenn ich mich zum Laufen jedes mal aufraffen muss: spätestens wenn ich danach unter der Dusche stehe, spüre ich die positive Auswirkung auf mein Körpergefühl. Wer sich dynamisch und kraftvoll durch die Welt bewegt fühlt sich automatisch besser als jemand, der nur träge vor sich hin grübelt. Die Beziehung zu meinem Körper hat sich sehr zum Positiven verändert, seitdem ich wieder regelmäßig trainiere: ich bin stolz auf meine kleinen Muskeln und darauf, auch sichtbar ein paar Kilos verloren zu haben. Doch das Beste daran: diese Umkehrung der Negativspirale erzeuge ich alleine, aus eigener Kraft! Ich brauche dafür keinen Einfluss von außen, keinen Therapeuten und keine Tabletten. Das macht mich stolz. Das ist so ein verdammt geiles Gefühl.

5. Du allein bestimmst Dein Tempo
Wo, wann, mit wem, wie lange, wie oft, wie schnell… all das kannst Du selber bestimmen! Du kannst Dein Lauftraining ganz individuell an Deine Bedürfnisse und Tagesform anpassen. Du hast keine Mannschaft, die Dich unter Leistungsdruck setzt, keine Übungsgruppe, bei der Du mithalten musst. Du setzt Deine Grenzen und entscheidest, wann und wie Du sie verschiebst. Finde Dein Tempo. Lerne, auf Deinen Körper zu hören. Er hat viel zu sagen. Laufen ist eine schöne Form, sich mit ihm zu unterhalten. Und ja, deswegen laufe ich. Ja, es ist anstrengend. Es führt mich an meine Grenzen. Es nervt. Und ich bin jedes mal froh, wenn es vorbei ist. Aber trift das alles nicht auch eine depressive Episode zu? Dann doch lieber laufen.

10 Tipps an alle Neu-Läufer:

  • Finde Dein eigenes Tempo. Mach Dir keinen Druck. Mach (Geh)Pausen. Nur weil Du es schaffst, irgendwann einen Marathon zu laufen, wird die Welt kein besserer Ort.
  • Mach Laufen zu Deiner Gewohnheit. Lauf lieber täglich eine kleine Strecke und bau langsam Deine Kraft und Kondition auf als einmal wöchentlich eine brachiale Langstrecke bewältigen zu wollen. Sei realistisch und setze Dir erreichbare Ziele.
  • Finde Deinen Motivator! Vielleicht ist ein Lauf-Buddy etwas für Dich, mit dem Du Dir regelmäßig gegenseitig in den Hintern trittst. Falls Dich Freunde wegen Deines neuen Laufhobbies belächeln, nimm es als Ansporn um ihnen zu zeigen, dass Du es kannst. Lass Dich nicht entmutigen. Bitte nicht!
  • Trick: Stell Dir Deine Laufschuhe abends neben das Bett und zieh Dein Laufshirt zum Schlafen an. So hast Du morgens weniger Ausreden und weißt sofort, was Du Dir vorgenommen hast.
  • Verabschiede Dich von allen alten Glaubenssätzen. „Ich bin nicht gut in Sport!“ zählt nicht, der Völkerballunterricht in der Grundschule ist jetzt offiziell vorbei.
  • Vergleich Dich nicht! Erst recht nicht mit diesem drahtigen Sprinter, der dich mit Riesenschritten nun zum dritten mal überholt hat. Der hat auch mal irgendwann angefangen. Mach Dir klar: Keiner beachtet Dich! ja, beim Laufen darfst Du Dir diesen Satz tatsächlich sagen! Als ich anfing durch den Park zu schlurfen, dachte ich immer, die anderen Läufer würden mich belächeln und abschätzig auf mich herabsehen. Tun sie aber nicht. Die sind viel zu beschäftigt mit ihrem eigenen Lauf-und-Schnauf-Rhythmus.
  • Podcasts, Musik, Hörbuch, TKKG-Folgen. Ich finde Laufen ohne iPod sterbenslangweilig. Nimm Dir was für die Ohren mit.
  • Mach keine Wissenschaft draus! Bevor Du Dir wochenlang Bücher zum Thema Laufen durchliest oder dich ewig in irgendwelchen Läden über die besten wasserabweisenden Laufjacken beraten lässt, lauf lieber einfach einmal los. Der Rest kommt von ganz allein.
  • Sei sanft zu Dir! Respektiere gerade am Anfang die Grenzen, die Dir Dein Körper sehr klar zeigen wird. Höre auf ihn. Mach ihn nicht kaputt. Das hat er nicht verdient! Sei gut zu ihm und verwöhne ihn nach dem Laufen mit einer warmen Dusche, einer Badewanne oder gib Deinen Beinen eine entspannende Massage.
  • Hab Spaß!

*****

Danke für diesen großen Einblick in deine Laufwelt! Schön, dass wir das teilen dürfen! 

Ein Gedanke zu „Laufen(d) gegen die Depression

  • Huhu, ich laufe genau aus diesem Grunde von Kindesbeinen an. Ich war soweit gekommen, dass ich es nicht mehr schaffte vor die Türe zu gehen und stundenlang mit Laufklamotten an der Türklinke festhielt, um dann ohne Erfolg, dafür mit Herzrasen und zittrigem Körper, für diesen Tag aufgeben musste. Auch diese Angst konnte ich überwinden und laufe jetzt in Gruppen, die ich durch fb gefunden habe und habe darüber hinaus eine eigene gegründet, un mich selbst zu überlisten. Gratuliere zu Eurer Gründung. Ich glaube, dass viele diesem Instinkt der Bewegung genau aus dem Grunde folgen. Viel Erfolg!

    M.

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